Die Abmachung, die wir getroffen hatten, ging dahin, daß er im Sommer seinen Urlaub nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien kommen sollte, mich zu holen.

Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten von Vorschriften. Ohne Mamas »Begleitung« auszugehen, würde er durchaus unpassend finden. Theater zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren Bräutigam, überhaupt nicht für angezeigt. Daß er den Besuch eines Cafés, eines Restaurants u. dgl. unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich auseinandergesetzt. Vergebens versuchte ich, ihm das Lächerliche klarzumachen, das darin lag, wenn ich, eine Frau, die jahrelang selbständig gelebt hatte, nun plötzlich auf Schritt und Tritt den »Schutz« meiner Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. Er interpellierte mich unaufhörlich über alle diese Dinge. Daß Hunger Grund genug sei, in ein Café zu treten, leuchtete ihm nicht ein.

Und immer war ich gesehen worden und immer so, wie er es nicht wünschte.

So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter Streit. Und öde erschienen mir alle diese Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit abhandelte.

Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer ein Ideal war, aber als Ehemann ein böser Fall sein mußte.


Immer im Namen der ganzen Gattung wurden mir alle diese Vorschriften gemacht: der Mann ist, die Frau soll, la femme doit être usw.

Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt gestellt, am wenigsten in meinen Beziehungen zum Mann. Als Weib voll genommen zu werden, genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann auch diesen mannmännlichen Standpunkt von der anderen Seite nicht vertragen. Diesen ehernen Brustton: Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! Dieses »ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte Überlegensein-Wollen. »La femme doit être«, – öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen, klingt's.

Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer ist, sollte wissen, daß es einen gefährlichen Punkt gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese ihre Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, dann ist sie wie ein Vogel, der seine Melodie verloren hat, und ihres Gepiepses wird er wenig froh.

So erging es mir. Der freie Herzenston war weg. Und er wollte sich gar nicht wieder einfinden. Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber, ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir einander mitteilten, war ohne richtige Verbindung. Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.