Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? Hatten wir eine Sprache gesprochen? Wir hatten uns einer – Dolmetschsprache bedient. Nicht seine, nicht meine war es, in der wir uns verständigten. In der Dolmetschsprache der Verliebtheit hatten wir miteinander Konversation gemacht. Die unverbindliche, charmante Liebenswürdigkeit des gallischen Idioms hatte uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer sagt sich's im Deutschen: ich liebe dich. Und zaghaft flüstert man da erst und stammelt: – ich – hab' dich – lieb.

Aber wie gewandt rollt es heraus: »Je t'aime! Mais je t'aime éperduement!« – »J'aime et je veux mourir, j'aime et je veux pâtir, j'aime et pour un baiser je donnerais ma vie.«

Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache hatten, meine ich natürlich. Nur wie ein Symbol erscheint es mir, daß wir einer uns fremden Zunge bedurften, um uns überhaupt einander verständlich zu machen. Es gibt eine Zusammengehörigkeit, die international ist und Brücken wirft über Erdteile und, was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig ist's dann, welcher Sprache sie sich bedient.

Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die Begriffe waren fremd, sowie sie das zärtliche Gehege des Eros verließen und, wie es schien, unverdolmetschbar.

»Écorcher« ist ein prächtiger Ausdruck. Écorcher une langue. Das heißt, eine Sprache radebrechen, sie zu Tode schinden. Écorcher – l'amour?


Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, das der Liebe zugefügt wird. Es ist ein Zeichen, daß man irgendwie miteinander aus dem Geleise gekommen ist, wenn man mit dem schwerfälligen, dräuenden Geschütz des Stolzes, der Berufung auf seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man sich mißhandelt fühlt.

Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die Liebe der Liebe nichts schuldig, ach, wie wird man da so demütig. Nichts weiß man mehr von seinem »Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in dem Sinn, daß man seine Person irgendwie ausspielen würde. Nur die andere geliebte Person wird gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, sie aufzunehmen.

Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen ist's umgekehrt: sie zerfließen in »Hingabe«, je mehr sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn ihnen Liebe erwiesen wird.