Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr persönlich vor mir hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich nie von ihm ein Wort über mich gehört hatte, durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, erkannt hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die Entdeckungsreise der Liebe, die einer im andern macht, alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in Entdeckerlust? Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, Land, mein Eiland, das ich suchte, ahnte, wußte, an das ich glaubte, bevor ich noch einen Streifen seiner Küste sah! Wo war es hier, – dieses Kolumbusgefühl der Liebe?
»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José ...«
Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung wahrscheinlich versetzt würden. Das sei gebräuchlich in der Diplomatie. Sein Bruder, der Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß wir wahrscheinlich nach Indien kämen oder sonst auf einen asiatischen Posten.
Wir blieben also nicht an der Côte d'Azur. Nach Indien sollte ich ihm folgen.
Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos dem, den man liebt, und wäre es in ein Blockhaus auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die Heimat.
Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? Warum, warum? Ich war dann in der Macht, oder besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens, fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.
Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder ratlos und erwartete wieder – eine Entscheidung.
Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im letzten Moment hatte ich mich entschlossen, meine Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn Tage erhielt ich keine Antwort.
In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein Abenteuer von der Côte d'Azur.