Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen Mann in der Mitte des Zimmers stehen und ungefähr zwanzig andere Personen »an seinen Lippen hängen«. Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was über die Liebe zu sagen sei, sei in diesem Buche gesagt. Der Triumph des Werkes sei die Deutung der Liebe durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates wiedererzählt: Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.
Es war, als wäre nun das Thema gegeben für den Abend: Dämon oder Gott.
Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, ein Durcheinander von Stimmen war es. Man rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.
Dr. Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf zurück. Ich weiß nicht, warum ich an das abgeschlagene Haupt des Jochanaan denken mußte. Es schien mir, als läge dieses Haupt flach auf einem Teller. Ich glaube, die Stirn, die stark zurückfloh, erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare fielen in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes herab. Die blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, grau, blitzten auf, verdunkelten sich wieder. Wie wenn ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen, unter denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen Jünglingskörper, von dem man den Eindruck hatte, er sei noch nicht »fertig«.
Schließlich übertönte die Stimme Dr. Gruschks die Gesellschaft. Er rettete das Gespräch vor Verflachung. Wollte man abbiegen ins Konkret-Gemeine, so zwang er immer wieder ins Uferlose hinein.
Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker. Die Flaschen waren leer. Die Gesichter rot. Mir schien es, als suche die Stimme Dr. Gruschks einzig mein Ohr. Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu Diotima drang die große Not: Priesterin, – was weißt du zu sagen? Eros – Dämon – Gott? –
Peterka kam mit dem Lindenblütentee.
Am nächsten Abend besuchte mich Dr. Gruschk. Er hatte seine Geige mitgebracht. Er spielte. Ich sang.
Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete mich am nächsten Abend bei sich.