Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur möglich? Ja, warum war es mir, da ich mit ihm war, nicht anders möglich, als eben so?


Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun wieder besonders kräftig. Dieses Hinschwingen zu ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen hatte, noch bevor er mich kannte, – es zeigte so recht seine Not über die verwirrenden Geschehnisse, sein Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine neue Liebe im Gemüt zu einen – mit der unterdrückten Liebe zur eigenen Frau.

Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe Schmerzen erzeugen – diese Trennung von den Kindern und von ihr.

Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, Gefühlsgedächtnis (denn für abstrakte Gedankenketten war sein Gedächtnis sehr stark). Der Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der Vergessende – der Ausgelieferte.

Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. Eng verknüpft mit Treue. Treue – eine Kraft der Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des Gehirns. Alles Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert sie ab, als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber setzt Fülle voraus, Fülle und Sammlung, die festhält, ökonomisch anlegt, nichts verschüttet und nichts verrieseln läßt. Treue ist Abgrenzung im Gefühl, und hier waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte zu sehr von Theorien.

Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die Leute rein blöde mache. Sie fanden sich nicht mehr zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste der, der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein Intellektueller, bei dem durch den Intellektualismus der »innerste Sinn« nicht gelitten hätte, dieser Sinn, der von der hohen Instanz der Gefühle dirigiert wird, ein Intellektueller, der doch vernünftig wäre, – das war mein »Ideal«, das ich seit Jahren suchte!


Eines Abends, während er bei mir war, nannte ich – deinen Namen. Ich hatte am Vormittag ein Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört. Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft an meinem Hochzeitstag.

»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du – nennst einen fremden Namen, einen fremden Männernamen, du – du! – – –«