Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele – in unendlichen Ausstrahlungen. Andre wollen umgekehrt: sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, festigen. Und so wollten wir Entgegengesetztes und begegneten uns nur selten.
Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, war doch da in ihm: sentimental war er zu Zeiten, pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals), und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. Daß er seine erste Ehe gelöst hatte, schien ihm eine ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in der Welt hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch legte er sie tagtäglich auf den immer geheizten Rost seines Gewissens. Er wurde aber nie fertig mit dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst einen freundlichen, erträglichen Ton fand, seit er von ihr fort war und die er in dieser Ehe zerstört hatte bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, – wäre er bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht minder geröstet wie sein Gehen.
Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. Etwas wie eine geheime Gehässigkeit lag zwischen uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in meiner Gegenwart, sagte ich: »Das ist mauvais genre, lieber Dimitri,« ich sagte es sehr sanft, »durchaus mauvais genre.«
Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, als wenn ich ihm auf diese Weise weltlich kam. Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio, zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie tun. Obwohl er mein Bruder ist. Es zeigt, nun wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht von – Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art von Courtoisie, sitzt eben im Blut.«
Er warf mir einen Blick zu, – wenn Blicke töten könnten! Aber, suggestibel wie er war, hatte er von Stund an Respekt vor meinem – Geblüt.
Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding nicht war, wußte er am ehesten davon auszusagen. »Nichts behält neben ihm den eigenen, unbedingten Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, immer wollte und brauchte er »Auseinandersetzungen«. »Intensiv« sein, nannte er dieses Herumwühlen in dem – Innersten der Seele. In Wahrheit war es eine, wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die alle diese Szenen entlud.
Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin heil blieb.