Unter meinen Freunden befand sich auch ein Schauspieler, der von Zeit zu Zeit öffentliche Vortragsabende veranstaltete, an denen man sicher sein konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt zu erhalten. In dem Geschäfts- und Snobgetriebe der Literaturhyänen der Großstadt bildeten diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung und Verständnis der Lyrik tat dieser Künstler viel. Er sprach auch oft mit Dimitri und mir über das Wesen der Lyrik, dieser, nach der Musik unmittelbarsten Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs der künstlerischen Exstase, – der Stimme.
Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher und notwendiger Poesie unterscheiden. Und an solchen echten Produkten nicht vorüberzugehen, wie jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein Kunstwerk zu sich nimmt wie ein Glas Bier und weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.
In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei nichts zu verspüren. Frei und doch notwendig finden sich die Verse zueinander, ohne daß Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim zuliebe notwendig wären. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa. Neue starke, seltsame Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in lauter Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte es noch so glatt, macht aber noch kein Gedicht: der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt erscheinen. So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des Ganzen. Erst diese Logik verleiht jedem Bilde Macht. Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes, es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt doch leicht und lieblich – und geheimnisvoll. Und er demonstrierte diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.
Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum zu vermitteln. Erst dann könne es ermessen, was ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf, darin niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.
Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris Gedichte. Ich selbst hatte niemals ein Gedicht gemacht.
Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen Abend erhalten. Dimitri kam, mich abzuholen. Er teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin abgetreten, er selbst werde sich ein anderes an der Kasse besorgen. Im Saale würden wir sie treffen. Ich fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen sei, mich abzuholen.
»Sie – sie findet keinen Kontakt mit dir.«
»So.«
Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in ihnen den Blick, den Helene hatte.