In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, sprachen wir den Vortragenden im Künstlerzimmer. Wir hatten einander mehrere Wochen nicht gesehen. Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah mich schweigend an, dann sagte er: »Wenn man wissen will, was Zerstörung ist, so braucht man nur Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick auf Dimitri.
Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche Mann war unhöflich gewesen. Endlich fand man einige Worte zum Thema des Abends.
Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil er mich zerstört sah. Wie kann man sich so nur blicken lassen, – mag er sich wohl gedacht haben.
Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden Sonntag besuchen. Die »Fünfte« war zu hören. Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir sollten uns vor dem Musikvereinssaal treffen. Giorgio, Helene und ich warteten vergeblich auf Dimitri. Er kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er war sonst verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten unsere Karten und gingen hinein. Eine mir selbst nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was war vorgefallen, warum war er nicht da?
»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.
»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.
Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf setzte ein. Hoffnung blitzt auf in dem wilden Getümmel. Die Violinen tragen sie durch zwei Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die Zweifel mischen sich hinein, Flöte, Klarinett und Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang. Aber die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der Bedrückung immer wieder heraus, sprengt und durchbricht ihre Gruft: Triumphlied der Posaunen.
Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich war überzeugt, ein Unglück müsse geschehen sein. Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich meinte: einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie waren allein zu Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, was da geschehen war.