Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.
Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. Besonders die Stimme schien ihm interessant.
Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. Ich wurde examiniert. Resultat: Talent, Chance, Ausbildung.
Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von Rudi. Schwermütige und doch seltsam anmutige Verse. Und Rudi sprach mir von den Reizen eines freieren Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.
Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine literarische Zukunft. Er arbeitete an einem Librettotext.
Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein Libretto war angenommen. Und der Theaterdirektor wollte mich hören.
Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem Theaterdirektor. Ich war in glänzender Laune. Der Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement »vom Fleck weg«.
Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. Hatte sich je ein Mensch um mich gekümmert wie er? Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei war man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen mich »einließ«, »der nichts ist und nichts hat«.
An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.