Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen führen solltest, wie Liebe tut, – es wird dir oft salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.
Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der Art, die Schopenhauer mit dem Welschwort benennt, dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.
Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches Leid, das schier alle Kreatur zu umfassen sich sehnt, ist in solcher Liebe: Pietà.
Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser meiner Liebe zu ihm.
Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in dieser meiner Liebe zu ihm.
Immer fremder, immer unheimlicher wurde es zwischen uns. Ein Dunkles war da, ungreifbar. Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene Stunden, – wo Menschen sonst alles vergessen. Er nahm mir die Unbefangenheit – auch da! Das Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann gesagt werden, was von ihm einer Frau geschehen kann.
In den letzten Tagen vor meiner Abreise, – wie sie zustande kam, wirst du erst später erfahren, – in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten ja hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts Gutes mehr von Dimitris Munde. Seine Arbeit lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder andere auch. Aber wo fand ihn ein toter Punkt je weise?
Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene Sinnlichkeit in ihm. Schöne Frauen und hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, – er begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am liebsten. Und er erzählte es mir, er schilderte mir diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen, »objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.