Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein Aufenthaltsplatz geblieben.
Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem Versteck. Am Tage hatte ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte.
Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich meinem Ziel.
Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein kleines Dinghi im Wasser.
Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte, was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer zu dem Segelschiff hinüberführte.
Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse, die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück.
Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem freien Meere zu.
An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu schleichen.
Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden.
Am Abend war ich wieder in Gravesend.