Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände, die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden.
Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit aber ein Stündchen schlief.
An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang!
In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”, sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?”
Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.
„So gut, dann kommt und — — join the army now!”
Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und glaubte, daß Kitchener gerade ihn haben wollte. Nun fing der Redner von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört.
In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe.
Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein, denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß der Soldat ausgerechnet in Kitcheners army das Schönste wäre, was es auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.
„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.”