Doch gewagt mußte es werden!

Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran. Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot. Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln. Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.

Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich, und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung berüchtigt war, das hatte ich doch nicht für möglich gehalten.

Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht. Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen Ufermauer entfernt.

Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund hätten sie mich totgeschlagen.

Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht, hatte etwas gemerkt.

Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.

Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen wollte.

Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend, torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu. In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: „Halloh! Old Jack, one Whisky too much!” klopfte er mir auf die Schulter und ließ mich passieren.

Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte.