Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen, und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom, und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod. Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot. Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde, jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.
Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden Kleider zu gelangen.
Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in meinem Heuhaufen.
War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen, und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das Rennen auf.
An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der Polizeibehörde stellen.
Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu: Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr! Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte gerade noch den letzten Zug nach Tilbury.
Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht anders kommen konnte.
Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart nichts bemerkt worden.
Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr Kind in den Schlaf wiegte.
Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten, vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen. Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre. Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.