Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei dem herrlichen blauen Himmel mit vollkommener Windstille stand die riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da. Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren, dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer eigenen schweren Geschütze — das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst losgelassen wäre.

Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater ausgestampft.

Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur gering beschädigt.

Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere sämtlichen Eisenschlünde an zu feuern und überschütteten die feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner verheerend gewesen sein.

Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein. Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt.

Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte.

Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war. Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück.

Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. Und den Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen habe, die meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.

Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann!

Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu zwingen.