Mein chinesischer Paß
Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.
Noch während wir bei der Unterhaltung saßen, wurde der Hausfrau ein Besuch angekündigt, und vorbei huschten und trippelten zehn bis zwölf allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, buntseidene Höschen und Gewänder gehüllt. Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben vor Neugier und Schrecken an der offenen Tür des Zimmers, in dem wir Männer saßen, stehen und guckten mich mit offenen Mäulchen und großen, erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau Morgan ließ sie erschrocken auseinanderfahren und fortlaufen. Den Grund dieses eigenartigen Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme Chinesin ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, wenn sie durch ihre Neugier und durch ihren Anblick einen männlichen Gast beleidigt!
Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste Strafpredigt. Ich muß sagen, daß ich über diese Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich mir diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau angesehen.
Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von den Chinesinnen mit Fragen bestürmt worden wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das heute morgen für ein böser Geist gewesen wäre, der so schreiend und brummend ihre Stadt bedroht hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin ein Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, da lachten sie einfach und meinten: nein, wenn sie auch dumm wären und die Weißen sie immer anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch einen Unsinn zu glauben!
Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, würden sämtliche Fehlgeburten, Mißernten und Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den abergläubischen Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges zugeschrieben werden, und besonders die Medizinmänner würden die Sache für sich ausnutzen.
Gegen elf Uhr vormittags erschien unter großem Tamtam, Getrommle und Getute der Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, in prachtvollem seidenen Gewande schritt er mit großer Würde einher. Die Begrüßung war äußerst feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde reichenden Verbeugungen wollten kein Ende nehmen.
Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden und nach meinen Wünschen erkundigt hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise seine vollste Unterstützung zu und verabschiedete sich.
Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher Weise.