Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich mich von meinem Mandarin, und am nächsten Tage mußte ich auch von meinen liebenswürdigen Gastgebern Abschied nehmen.

Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine Zahnbürste, ein Stück Seife und meinen Fliegeranzug, aus Bordjackett mit Schärpe und Gamaschen bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug hatte ich außerdem im Flugzeug mitgenommen. Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte mir dazu ihr altes abgeschabtes Filzhütchen als Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein Chinese, während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen hatte, und gegen Abend wurde ich unter wiederum großen Zeremonien zu der kleinen, mir vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke geführt.

Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache auf der kommenden Fahrt bestand aus dem chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer bereits einen Namen geschaffen hatte, aus zwei Offizieren und fünfundvierzig Mann außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde nach all dem Durchgemachten, ging ich in mein kleines Holzkämmerchen, wo ich zu meiner Überraschung und Freude statt einer Holzpritsche einen herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze vorfand, den mir die fürsorgliche Missionarsfrau an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen wäre es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen Sportanzügelchen. Es herrschte grimmige Kälte, durch große Ritzen und Löcher pfiff der Wind, und durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel sehen.

Und während meine Gedanken weit nördlich bei meinen tapferen Kameraden in Tsingtau weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal befaßten, und ich darüber nachdachte und dem gütigen Schicksal dankte, daß es mir vergönnt gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, um meine Aufgabe bis zum letzten Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und schloß mich in seine sicheren Arme.

Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die Dschunken wurden von zwei Kulis mit einer Leine, die oben an der Mastspitze befestigt war, längs des Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke bis Bampu, die ich in meinem Flugzeuge in knapp zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde in eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es besser, und besonders als der Wind günstig wurde und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis Nanking zu gelangen.

Die Fahrt war außerordentlich interessant für mich. Sie führte durch ein Netz von Flüssen bis zum alten berühmten Kaiserkanal und durch diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir durchfuhren eine Gegend, die wegen des Piratenunwesens berüchtigt war, und passierten Städte, die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. Am Tage, während die Dschunke getreidelt werden mußte, ging ich mit meinem General und der Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir besonders eingehend die äußerst interessanten Städte und darin das von keiner europäischen Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen Haufen liefen die chinesischen Männer, Weiber und Kinder aus ihren Häusern, sahen mich, der ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, ja einzelne berührten mich, um sich davon zu überzeugen, daß ich wirklich ein Mensch sei.

Meine hellblonden Haare und blauen Augen schienen ihnen das größte Rätsel zu sein.

Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf der Dschunke verliefen ziemlich schweigsam. Mein liebenswürdiger General war zwar recht gut europäisch angezogen, aber um die Hosen an den Fußgelenken hatte er sich doch die typischen chinesischen Bänder gewickelt, und von seinem Hinterkopf baumelte ein prächtiger langer Zopf, der kokett durch den Gürtel des Jacketts gesteckt war. Außer Chinesisch verstand der gute Mann auch nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und mir ging es so mit dem Chinesischen. Bei unseren Mahlzeiten, die recht opulent waren, nur furchtbar nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen wir beide uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein gegenüber, lachten uns ab und zu freundlich an, und das war die ganze Unterhaltung.

Endlich, am elften November, langten wir in Jang-dschou-fou an, und man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Gier ich mich auf die erste Zeitung stürzte.

Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal Tsingtaus zu erfahren, durchflog ich die Seiten der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war doch gar nicht möglich, so etwas konnte es doch nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich: