Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier” etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.
Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel, der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung Tsingtaus vollbracht hatte.
Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht, wird man erst beurteilt.
Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich gemacht hätte, wäre ein „good sport”, dafür hätten die Amerikaner Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und plenty dollars einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich beiseite und sprach im vollsten Ernste:
„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort sehr schwer!”
„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen, ich bin doch Offizier!”
Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.
Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde Ihnen gern helfen.”
Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San Francisco und New York zu Gast gewesen.
Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein.