Das beste war: ich wurde nicht verhaftet. Keine offizielle Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige, tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.
Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt. Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen. Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.
Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es ist „die” Nacht von San Francisco!
Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen, und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen, mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben Eisenbahnwagen wieder zusammen.
Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch wir unserem Ziele nicht mehr fern wären.
Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit. Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien, Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien, um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise nach Europa ermöglichen könnte.
Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein Glück zu versuchen.
Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen Leben kennenlernte.
Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame, die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen Kämpfer in den Dreck zogen.
Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied gestempelt worden zu sein.