Den kannte ich doch, das war doch — — — —
Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich, dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte kehrt, und weg war er.
Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer (selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause.
Aber das beste war doch das: beide waren wir in New York täglich zusammengewesen, beide wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es sich jetzt herausstellte, hatten wir beide unseren entsprechenden Unterstützungsmännern das Versprechen geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen zu sagen, und das hatten wir beide so gut gehalten.
Aber der Schlager kam noch: Beide waren wir bei demselben Mann gewesen!
Einige Tage nach dem Verlassen von New York erkrankte ich plötzlich, bekam hohes Fieber und mußte mich in die Koje legen. Was es war, wußte ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, und dieser Ansicht schien auch der italienische Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige Dosis Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich wurde noch kränker denn zuvor und hatte mehrere Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese Tage waren unbeschreiblich. In unserem Loch von einer Kammer wohnten wir zu vieren zusammen. Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. Neben mir lag bleich und gefaßt ein Schweizer (das war schon verdächtig). Dieser Mann war so seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals lebend erreichen. Links über mir aber lag ein ganz rabiater Engländer, der trotz der geschlossenen Bullaugen Tag und Nacht seine Navy Cut-Pfeife nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken war und kaum einen Moment sein Grölen und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. Meine Ruhe kann man sich denken. Außerdem lag meine Koje direkt neben der Rudermaschine, und dann kam das Schlimmste: die Wanzen!
Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!
Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht einzeln, sondern gleich zu Dutzenden.
Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche Gestank und die seekranken Menschen gegen diese Plage! Trotz des furchtbaren Schwächezustandes, in dem ich mich befand, versuchte ich die braunen Gesellen zu töten oder zu verjagen. Ich merkte aber nur zu bald, daß ich gegen sie machtlos war.
Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die Fahrt konnte ja nur noch einige Tage dauern, dann waren wir im schönen Italien, dann nur noch kurze Tage der Erholung, und ich wäre in meinem geliebten Vaterlande gewesen. Mit aller Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit genesen, daß ich am achten Februar, als der Dampfer in Gibraltar einlief, wieder aufstehen konnte.