Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, und daß die einzelnen Kiepen nicht zu voll wurden, dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so schwächlich!
Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend geschleppt hatten, empfingen wir unsere dreiteiligen Soldatenmatratzen, hart wie Stein, dazu zwei wollene Decken. Dann hatten wir für diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt war das Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.
Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät setzte sein Waschbecken neben das meine und zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus. Donnerwetter, so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, und ich musterte ihn kritisch. Tadellos gewachsener Körper und sogar sauber, ja blitzsauber! Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! Mitten im Waschen hörte ich plötzlich auf. Mein Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war groß. Das Waschwasser meines Kollegen war schwarz wie Brühe, aber er? Das war ja ein ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher schwarzen und schmierigen Haare leuchteten in hellstem Blond, das Gesicht war frisch und weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? Quer über die Backen und über die Schläfen da zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche Studentenschmisse hindurch. Das Hallo, und das Gefrage und Erzählen, das nun folgte. Mein Kollege war ein echter deutscher Student gewesen, hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik sich gegründet und hatte dort drüben alles stehen und liegen gelassen, um als Reserveoffizier seinem Vaterlande zu helfen. Schnell schlossen wir uns aneinander an und sind treue, unzertrennliche Freunde geblieben durch viele Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal uns leider wieder trennte. Wir beiden Schloßherren waren aber bald bekannt.
Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, Licht aus in allen Räumen.
Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster aufgeschlagen, welches bis dicht auf den Fußboden herunterreichte. Auf der Erde liegend konnte ich bequem aus dem Fenster heraussehen.
Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst kam ich zur Ruhe und zur Überlegung.
Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, lag hoch oben auf der höchsten Spitze von Gibraltar, da wo die Felsen steil nach Süden zu ins Meer herabfallen.
Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter mir das wunderbar blaue Wasser der Meerenge von Gibraltar.
Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein und hell die Küste von Afrika herüber.
Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin und her, auf denen Menschen lebten, freie, ungebundene Menschen, die fahren konnten, wohin sie wollten, und — — — nicht wußten, wie wunderbar und kostbar Freiheit war!