Endlich wurden wir in einen Zug verladen, ich selber kam allein in ein Abteil, rechts und links von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen Befehl erhalten hatten, mich scharf zu bewachen. Der Grund zu dieser besonderen Ehre war folgender:

Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen war, daß ich jemals wieder freigelassen würde oder man mich als Schweizer anerkannte, hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die anderen Gefangenen dem führenden Offizier zu erkennen gegeben und verlangt, daß ich meinem Range entsprechend behandelt würde. Der englische Offizier erklärte mir, mich sofort in die erste Klasse aufzunehmen, wenn ich mein Ehrenwort geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu machen und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. Da ich dieses Ansinnen selbstverständlich mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in den Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war die strengere Bewachung.

Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth an. Auf dem Bahnhof und auch sonst wußte keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier schien alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl (wir waren sechsundfünfzig Männekens) vollständig den Kopf verloren zu haben.

Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis) geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die Abendkost gefreut.

Abendbrot? Auch nicht vorhanden!

Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas übrigließen.

Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch in den Zeitungen natürlich nur von englischen, französischen und russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo was los war.

Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor seines Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou

Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere Schloßherr, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine, und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit Bierflaschen gefüllt heraufbringen,