„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.”
Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen?
Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab.
Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost.
Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen, das sollen Sie jetzt büßen.”
Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: „Still here?” Zu kindisch!
Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als Herold.
Maxstedt schäumte.
„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser flying man dran schuld, der stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.”
Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter anderem betonte, ich hoffte, er sei nur temporary lieutnant, nicht aber auch temporary gentleman. Das half!