Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als Gäste gehaust!

Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung war gut gesorgt.

Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle, Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben. Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen, vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln. Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden. Nun ging das Ganze nochmals an das War office, und geduldig harrte ich meiner Versetzung.

Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager Dorchester bleiben zu dürfen.

Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.

Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H., der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem wracken Flugzeug herumgetrieben waren.

Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll. Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen.

Und wenn erst das Erzählen anging!

Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.

Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene, selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung. Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen, nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen ohne Waffen und wurden — — nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht das wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern daß sie wirklich ganz normale Menschen seien.