Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters, und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.
Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe.
Er hat sich aber bald gebessert.
An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden, sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten, daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch nur in England!
Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die ersten Zeilen.
Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war.
Kriegsschicksal!
An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen zum Tore hinaus und zum Bahnhof.
Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan. Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen.
Die Wiedersehensfreude!