Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig Mark, wovon gleich sechzig Mark monatlich für unsere Verpflegung einbehalten wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für uns ausgeben, außerdem konnte man sich von Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im allgemeinen regelmäßig an und gebrauchten im ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen ebensolange.

Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings knapp bestellt. Wöchentlich durften wir nur zwei kurze vorgeschriebene Zettelchen schreiben, und wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren Lieben daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja unser ein und alles. Nach der Briefausgabe berechneten wir die ganze Tageseinteilung, nach den Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, überhaupt hing die ganze Stimmung im Lager von der Post ab.

Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Wenn der Dolmetscheroffizier mit den Briefen kam, blieb alles stehen und liegen, alles war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender war der englische Offizier umgeben. Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten Wunsch, daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der Heimat, eine Zeile von lieber Hand geschrieben bringen möge. Und dann die Freude, wenn was da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, wenn man mit leeren Händen abziehen mußte. Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder mal ein Tag verloren!”

Als ich rund zwei Monate später in Deutschland war und von vielen Seiten gefragt wurde, womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, schreibt, so viel ihr könnt; die Briefe sind das, wonach der Gefangene sich am meisten sehnt.”

Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend ein äußerst kameradschaftliches. Besonders nett waren die Abende, an denen wir in Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. Mächtige Holzkloben brannten, und dann hub ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, von Not und Tod und von wilden abenteuerlichen Erlebnissen. Viele gute Bücher, ein Streichquartett und ein Gesangverein, den wir uns gegründet hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.

Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn man sich endlich wieder einmal so recht herzhaft ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete man erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der furchtbare Druck der Gefangenschaft von uns.

Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde Ende April plötzlich gestört.

Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig von uns hundert Offizieren am nächsten Morgen zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt werden sollten. Die Aufregung bei uns war groß, denn keiner wollte weg. Es half kein Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer packen und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, der mit wegkam, war leider ich, und zwar auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten, da ihm die Nähe Londons für mich zu gefährlich schien.

Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger von der Armee, mein treuer Freund Siebel, an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens zusammen.

Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu je fünf wurden wir zum Bahnhof Maidenhead gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden. In den Abteilen blieben wir ungestört für uns allein, die Wagen selbst wurden aber von Soldaten streng bewacht.