Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend nach Norden zu. Die Menge auf den Bahnhöfen sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, jedoch verhielt sie sich vollkommen ruhig. Nur hin und wieder streckte uns ein altes Weib, wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre wenig schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten wir endlich auf der Station Donington Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus und mußten in Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof antreten. Umringt von zirka sechzig bis siebzig Soldaten, marschierten wir auf das Kommando „Quick marsh” ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing uns eine johlende Menge. Fast alles Weiber und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige Männer. Den meisten von uns war von Frankreich her dies unwürdige Benehmen der Bevölkerung reichlich bekannt, in England war es etwas Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der niedrigen Bevölkerung angehörend, benahmen sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend liefen sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein Stein oder Straßenschmutz in unsere Reihen. Aber im großen und ganzen lachten sich die Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich bei ihrem Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der ersten Straßenbiegung kam ein Automobil hinter uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. Meyer, den wir später noch zur Genüge kennenlernen sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht zeigen und schon — — — hatte er einen seiner eigenen Leute, die uns eskortierten, umgefahren. Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich sprangen zwei von uns „Barbaren” hinzu und zogen den unglücklichen Tommy unter dem Auto hervor.
Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber gegen Herrn Meyer, und wenn der nicht schleunigst weitergefahren wäre, hätten sie ihn womöglich noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein Jammer. Der Zwischenfall war bald vergessen, und weiter johlte die Menge. Immer frecher wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns geworfen, als plötzlich — ruhig und behäbig, mit gesenkten Köpfen nachdenklich wiederkäuend vier, fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden Seiten bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, war so komisch, daß wir alle samt unseren englischen Tommies stehenblieben und uns vor Lachen bogen. Kaum daß die bisher so mutigen Weiber die Kühe sahen, fingen sie auch schon an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und liefen in wildester Flucht davon. Rücksichtslos wurden die Schwächeren von den Stärkeren umgestoßen, und bald lag ein wild strampelndes Knäuel vor Angst kreischender Weiber zu beiden Seiten der Straße im Graben.
Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt setzten wir in ziemlichem Geschwindschritt unseren Weg fort.
Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf die Wege und einzelne besonders markante Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu einem das mal gut sein würde!
Die Sonne brannte glühend vom Himmel herab, und in Schweiß gebadet langten wir nach anderthalb Stunden in unserem neuen Heim Donington Hall an.
Hier herrschte Disziplin.
Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, die ganze Wache stand unter präsentiertem Gewehr angetreten, der Wachtkommandant und zwei Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand an der Mütze.
Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten empfangen waren, wurden wir auf unsere Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen Kameraden, darunter selbstverständlich meinem Freunde Siebel, eine sehr nette kleine Stube zu erhaschen.
Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter wieder. Da waren die Geretteten vom „Blücher”, von Torpedobooten und kleinen Kreuzern und mehrere Armee- und Marineflieger.
Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager von England vor. Nach allem, was wir bereits wochenlang in englischen Zeitungen darüber gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. Täglich fand man spaltenlange Artikel in den Zeitungen, in denen die Regierung angegriffen wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu luxuriös untergebracht habe. Wie immer, so gebärdeten sich die Frauen dabei am wildesten und hatten sogar die Erzwingung der Räumung Donington Halls zu einer Frauenfrage Englands gemacht! Selbst das Parlament mußte sich wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da sollten Spielsäle sein und mehrere Billards, das Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein, ein besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt und für die deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden veranstaltet werden.