Nichts von alledem war wahr. Wohl war Donington Hall ein großes altes Schloß, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben von einem prächtigen alten Park, doch waren die Räume vollständig kahl und die Einrichtung so primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. Von Billard und Spielsälen und Fuchsjagden keine Spur. Aber tadellos sauber war alles, und dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. Nach unserer Ankunft waren wir im ganzen rund einhundertzwanzig Offiziere und wohnten schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- bis fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das hätte ja eine feine Sache gegeben, da jetzt schon die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade- und sonstige Einrichtungen nicht langten.
Besonders angenehm war der schöne Park für uns.
Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei Zonen eingeteilt, in die sogenannte Tag- und in die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil elektrisch geladen waren, nachts durch mächtige Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch Posten scharf bewacht wurden.
Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß das Haus und die davorliegenden Tennis- und Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich auch noch auf den Park.
Abends um sechs Uhr war große Musterung, und nachdem alles anwesend und zur Stelle war, wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. Das Leben in Donington Hall war fast das gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch den Park sehr viel mehr Bewegungsfreiheit hatten, fast noch mehr Sport trieben, falls es überhaupt möglich war, und drei sehr gute Tennisplätze besaßen. Die Verpflegung war auch hier echt englisch und schmeckte sehr vielen nicht, aber gut und reichlich. Der englische Oberst war recht vernünftig. Zwar knurrte er oft und war ziemlich kommissig, aber ein vornehmer, verständiger Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat alles mögliche getan, um uns das schwere Los zu erleichtern, und hat sich ganz besonders für unsere Sportspiele interessiert. Und das war gut.
Ein unangenehmer Vertreter war der englische Dolmetscher, der Leutnant Meyer (der pampige Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls nicht nur „temporary lieutnant”, sondern auch „temporary gentleman”. Er stammte aus Frankfurt am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor gewesen und tat nichts, um seinen niederen Charakter zu verbergen. Ich glaube, der englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die englischen Sergeanten, mit denen wir gelegentlich einige Worte in der Kantine sprachen, sagten uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären wie dieser Mr. Meyer.
Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein köstliches Erlebnis. Draußen, außerhalb des Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die zahm wie die Ziegen herumliefen.
An diesem Abend nun lief ein allerliebstes kleines Kitzlein, welches seine Mutter verloren hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser Locken und Rufen kroch es geschickt durch das Hindernis hindurch und gelangte in das Lager. Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation für uns. Das Kitzlein wurde umringt und gestreichelt und geliebkost (die Jäger knurrten), und schließlich wurde es im Triumph auf den Armen eines Leutnants in die Burschenstube getragen, wo sich einer unserer Jäger befand, der es großziehen sollte.
Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ er sich plötzlich den deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:
„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im Lager?”