Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt dadurch, daß wir keinerlei Kriegsnachrichten aus Deutschland erhielten. Und wenn wir auch selbstverständlich den englischen Lügenmeldungen nicht Glauben schenkten, es hatte mit der Zeit doch gewaltigen Einfluß auf uns, daß wir wochen- und wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland und nichts als Niederlagen, Revolution und Hungersnot über Deutschland lasen. Die Ungewißheit war auch hier das Schrecklichste, und ganz besonders traf uns die Nachricht von dem gemeinen Verrat Italiens.
Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!
Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es mußte etwas geschehen, wenn ich nicht gänzlich verzweifeln wollte.
Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und überlegt, wie ich dieser elenden Gefangenschaft entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich entworfen und wieder verwerfen müssen. Mit größter Ruhe und Überlegung mußte hier ans Werk gegangen werden, falls etwas gelingen sollte.
Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen Seiten der Hindernisse auf und ab, dabei unauffällig jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend. Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner Stellen, die mir günstig schienen, tat als ob ich schliefe, beobachtete dabei aber scharf jeden einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten jedes einzelnen Postens.
Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht wollte, stand bei mir fest. Nun handelte es sich bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst das Hindernis überwunden war. Wir besaßen weder Karte von England, noch Kompaß oder Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar die genaue Lage von Donington Hall war uns gänzlich unbekannt. Den Weg bis Donington Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem Hinmarsche gründlich eingeprägt. Durch einen Offizier, der zufällig statt von Donington Castle von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, daß seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer nördlich von Donington Hall liegen müsse und daß er, bevor das Auto in das Dorf eingebogen wäre, eine große Brücke passiert hätte. Nun freundete ich mich mit einem alten biederen englischen Soldaten an, schenkte ihm gelegentlich auch einige Zigarren und lud ihn ab und zu zu einem Glase Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon mehrere Male zusammengesessen hatten, sagte ich ihm, es müsse doch sehr langweilig sein, dauernd in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine Abwechslung habe. O ja, meinte er, ab und zu führe er Rad, und manchmal führe er auch damit zum Kientopp nach Derby.
„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu weit für Sie, dazu sind Sie ja viel zu alt!”
„Ich und zu alt? No, Sir! Da kennen Sie einen englischen Tommy schlecht, wenn ich auf meinem Rade sitze, da nehme ich es mit jedem Jungen auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die Strecke nach Derby schon zurückgelegt.”
An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In der nächsten Woche traf ich meinen alten Freund wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem ich Nichtraucher bin, stets bei mir führte.
„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, „da habe ich gestern eine Wette mit einem Kameraden gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich von uns, mein Kamerad behauptet, es läge südlich. Wenn ich gewinne, kriegst du einen ordentlichen Topf Bier mit ab.”