„Ich glaube weder, noch glaube ich nicht.“
Sie wiederholte meine Worte ganz tonlos, obgleich sie sie schon mehrere Male zuvor gehört, wiederholte sie, als enthielten sie etwas ganz Unfaßbares, und rief plötzlich:
„Dann hast Du Dich verändert.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ja, das hast Du. Wie hätte ich sonst glauben können, daß das Leben mit dem Tode zu Ende sei? Du hast es mich gelehrt. Warum willst Du jetzt nicht glauben, wie ich?“
Bei ihren Worten flog eine Erinnerung durch meine Seele. Ich sah sie und mich auf einem schmalen Pfad unter den hellen Birken der Schären wandeln. Ueber uns funkelten des Himmels Sterne, und zu unseren Füßen zitterte im Grase der matte Lichtschein aus den Fenstern unseres ersten Sommerheims. Ich vermeinte noch die Worte hören zu können, die in der Stille des Abends zwischen uns geflüstert wurden, Worte vom Leben und vom Tode, von Gott und dem Kommenden, diese Worte, die von unserem ersten Liebesrausch Ernst und Glut empfingen. Ich erinnerte mich, daß sie es war, die fragte, und ich antwortete. Ich erinnerte mich, daß sie tief betrübt und stumm wurde, während sie über meine Antwort nachdachte, und als nun diese Erinnerung durch meine Seele zog, mit einer Deutlichkeit, die keine Worte wiederzugeben vermögen, war es mir, als müßte das, was ich damals gesagt, sie in ganz anderer Weise getroffen haben, als ich eigentlich gemeint, und ich fühlte einen Stich im Herzen, als hätte ich, ohne es zu wollen, ihr etwas zu Leide gethan.
Sie unterbrach mich, indem sie sagte:
„Ich kann das nicht fassen, das, weder zu glauben, noch nicht zu glauben. Ich muß eines von Beiden thun.“
Sie sprach diese Worte mit einem Ton aus, als bäte sie mich, ihr nicht zu widersprechen, und ich that es auch nicht. Ich behielt bloß in mir die Stimmung der lichten Insel unserer Jugend und wunderte mich darüber, daß ich die ganze Zeit die Sterne durch das Laubwerk der Birken zu sehen meinte.
Meine Frau hatte sich, während wir sprachen, erhoben und stand wieder neben dem kleinen Bette. Mitten im Gespräche hatte sie gemerkt, daß der Kleine sich bewegte. Sie hob ihn empor, nahm ihn in ihre Arme in jener sicheren, schützenden Art, wie nur Mütter es können, und legte ihn an die Brust. Ihr Gesicht strahlte, als sie sah und fühlte, wie er ihre Milch mit jener unbeschreiblichen Ruhe sog, die das Vorrecht des Kindes ist.