Wovon wir eben gesprochen und was ich jetzt sah, verschmolz in eigentümlicher Weise in meinem Gefühl zur Einheit, und ich erinnerte mich der Worte, die den Anfang des kurzen Gesprächs gebildet hatten. Lange saß ich und dachte an das, was ich sagen wollte. Ich dachte an die grausamen Worte: „Verflucht sei die Erde um Deinetwillen“ und an den Zusatz an die arme Erde: „Dornen und Disteln sollst Du tragen.“ Das Gefühl dessen, was ich besaß und was ich sah, war mir so übermächtig, daß ich fürchtete zu sprechen, nur um meine Bewegung nicht durch Thränen zu verraten, und gleichzeitig versuchte ich, meine eigenen Gedanken davor zurückzuhalten, die Form des Worts anzunehmen, um meiner Frau nicht pathetisch zu erscheinen.

Endlich nahm ich die Bibel in die Hand und legte sie weg.

„Du hast Recht,“ sagte ich, „und das harte Wort hat Unrecht. Da sollte stehen: ‚Gesegnet sei die Erde um Deinetwillen. Trauben und Rosen soll sie tragen.‘“

Und nachdem ich dies gesagt, beugte ich das Knie und lehnte die Stirn zugleich an mein Weib und an mein Kind. Mit der Hand, die sie frei hatte, strich sie mir übers Haar.

„Ach! Wir waren jung damals, jung und sehr glücklich.“

2.

Ich habe bis jetzt nicht den Namen meiner Frau genannt, und es fällt mir noch schwer, es zu thun. In meinen Gedanken nenne ich sie zuweilen Mignon, weil dieser Name der einzige ist, unter welchem ich sie sehen kann, so wie sie kam und ging. Was weiß ich im Uebrigen, ob ich jetzt sie selbst male oder die Erinnerung, die sie zurückgelassen? Ist ein Mensch das, was er Jenen zu sein scheint, die ihn nicht so gesehen, wie vielleicht bloß Einer ihn zu sehen vermag? Ist er nicht vielmehr in seinem innersten Wesen gerade das, was bleibt, nachdem das Aeußere und Zufällige verblaßt ist? Ist es nicht möglich, daß das, was Mancher Idealisierung nennt, eigentlich die innerste Aehnlichkeit ist, die, welche einmal in einer Welt, die kein menschliches Auge erreicht, unser wirkliches Ich werden wird, Allen sichtbar?

Sie war klein von Gestalt und zart, und als ich sie zum ersten Mal sah, war es bei einer flüchtigen Vorstellung auf der Straße beim Schein einer Gaslaterne. Als ich sie verlassen hatte, blieben mir ein paar wunderbar große und tiefe Augen in der Erinnerung. Im Uebrigen erinnerte ich mich nur an einen schwarzen Pelzkragen, ein paar lange schwarze Handschuhe und den Druck einer Hand, die einen plötzlichen und starken Eindruck von etwas Aufrichtigem, Wachem und Wahrem hervorrief. Sonst erinnerte ich mich an ihr ganzes Aussehen so wenig, daß ich ein paar Tage später an ihr vorbei ging, ohne sie zu erkennen. Und doch hatten mir diese Augen keine Ruhe gelassen, sie waren immer wieder vor meiner Phantasie aufgetaucht, gleichzeitig strahlend und schmerzgebunden, etwas zugleich Lebenverlangendes und Andachtsvolles bergend. Wenn je ein paar Augen eine Seele gespiegelt haben, waren es die ihren.

Wenn ich an Alles denke, was ich durch meine Frau erlebt habe, weiß ich, daß durch all die bunten Lebensjahre meines Daseins Niemand mich so wie sie gelehrt hat, das Gefühl für das Religiöse beizubehalten. Ich glaube jedoch nicht, daß ich sie je das Wort Religion habe nennen hören, und man hätte sie sicher narren können, Abraham mit dem Apostel Paulus zu verwechseln. Aber Alles, was sie mit ihrem Denken oder Fühlen umfaßte, wurde ihr in irgend einer besonderen Weise heilig. Ihr Wesen war Zärtlichkeit, und das Leben, das sie leben wollte, war ein Fest, ein Fest, bei dem ihr Gefühl für den Wert und die Heiligkeit des Lebens keinen Mißton ertragen konnte. Aber Alles, was in ihr stark und lebendig war, war zu gleicher Zeit gebrechlich und spröde. In der Tiefe ihrer Seele war eine Ganzheitsanbetung, die das Leben nicht ertrug, weil sie auf einem höheren Plan zu stehen schien als das Leben selbst.

Wir waren viele Jahre verheiratet gewesen, als sie eines Tages zu mir sagte, plötzlich, unvorbereitet und ohne äußeren Anlaß, sowie ihre stärksten Gefühle immer kamen: