„Nun, dann hast Du etwas anderes gesagt.“
Sie beugte sich wieder hinab.
„Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur, daß ich denken will wie Du, glauben wie Du, sein wie Du. Denn Niemand ist wie Du, Niemand auf der Welt.“
Auf solche Worte kann kein Mann antworten. Man braucht sie nicht abzuwehren, denn sie sind nicht als Rauchopfer der Eitelkeit gedacht. Sie kommen wie eine Liebkosung, so wie wenn ein Mann seine Frau ansieht und sagt: „Es giebt für mich kein Weib außer Dir.“ Meine Frau fuhr auch nach einer Pause, so kurz, daß ich sie kaum gemerkt hatte, fort:
„Ich habe Dir gewiß noch nie dafür gedankt, daß Du mich gelehrt hast, zu glauben, wie Du glaubst, aber ich bin so froh, daß Du es gethan. Du kannst es nicht so fühlen, wie ich es fühle. Du kannst es nie so fühlen. Jeder Tag, der vergeht, macht mich reicher. Jede Stunde scheint mir erfüllt von meinem Glück. Es ist so merkwürdig, mir jetzt zu denken, daß ich einmal, als ich um vieles jünger war, mich sehnte, sterben zu können, um in den Himmel zu kommen. Was meinte ich da, und wonach sehnte ich mich? Ich glaube, ich habe es vergessen, als wäre es nie gewesen. Das Einzige, was ich früher manchmal schwer empfand, war, daß ich niemals meinen Vater wiedersehen sollte, der tot ist. Aber jetzt kommt es mir vor, daß ich nichts anderes verlange, als mit Dir und den Knaben leben zu können. Ich würde nicht wünschen, daß es etwas anderes gäbe als das Leben, das Du und ich leben durften. Ich will mit Dir leben, bis die Knaben groß sind und hinausziehen. Dann wollen wir zusammen altern — Du und ich — und etwas anderes kann ich mir nicht denken.“
„Glaubst Du nicht an irgend eine Möglichkeit eines anderen Lebens?“ fragte ich.
Sie schüttelte mit einer energischen Geberde den Kopf.
„Nein,“ rief sie aus, „ich will nichts anderes als das, was ist. Ich will einmal in der Erde unter einem schönen Blumenhügel schlafen. Das ist Alles für mich, und darum bitte ich Gott jeden Abend.“
Sie betete jeden Abend zu Gott, und sie glaubte nicht an ein unsterbliches Leben. Ich wußte es, und fühlte aufs Neue das Wunderbare in diesem, ihrem eigenen Rätsel, das für sie bloß natürliche Wirklichkeit war. Ich streichelte ihre Schulter, um sie wissen zu lassen, daß ich gehört und verstanden hatte, und mit einem plötzlichen Uebergang fragte sie:
„Glaubst Du an etwas anderes?“