Ich saß Stunden am Bette meiner Frau und ging bloß hinaus, um Luft zu schöpfen oder zu ruhen. Ich saß mit den Knaben am Krankenlager, und wir flüsterten mit einander, sprachen Worte, die niemals wiederkommen werden, und deren sich Keiner von uns mehr entsinnen kann. Ich schlief in den Kleidern auf dem Bett neben Elsa, meiner kleinen Elsa, die niemals mehr erwachen sollte, und ich saß allein wach, damit die Pflegerin Ruhe fände und ich wenigstens die Erinnerung an ein paar Stunden besitzen könnte, in denen niemand Anderer als wir Beide im Sterbezimmer gewesen waren.

Man sagt von Sterbenden, daß ihr ganzes Leben an ihnen vorüberrauscht, bevor das Ende eintritt, und es muß wohl so sein, daß man da alles, was man selbst erlebt hat, vielleicht in einem neuen Lichte sieht. Für mein eigen Teil weiß ich, daß ich in der letzten Nacht, als es so langsam Tag wurde und die Knaben ermattet zur Ruhe gegangen waren, mein eigenes Leben und alles, was sie und ich mit einander erlebt hatte, so sah, wie ich es nie zuvor gesehen. Und ich sah, daß ich von allem, was sie mir gesagt, mir das eingeprägt hatte, was ich hätte vergessen sollen, und gerade das vergessen hatte, was ich vor allem hätte beherzigen müssen. Ich hatte mir das gemerkt, was sie nach meinem eignen Wunsche sprach, und alles vergessen, was sie dagegen gesprochen. Während ich glaubte, alles für sie zu thun, hatte ich daher für mich selbst und mein eigenes Glück gearbeitet. Alles, was ich erlebt hatte, sammelte sich in diesem Gedanken wie in einem einzigen Brennpunkt.

Denn hinein in das Thal des Todes hatte sie mich geführt. Das sah ich jetzt, als die graue Luft vor dem Fenster sich erhellte und ein weiter Rand der Morgenröte sich rings um das Himmelsgewölbe abzeichnete. Von selbst und aus eigenem freien Antrieb hatte ich niemals dorthin getrachtet, hatte nur gestrebt, von dort fortzukommen und zu vergessen, daß solches vorhanden war. Und wie ich nun hier saß, wollte es mich bedünken, daß ich jetzt ebenso wenig von der Welt wußte, als da ich zuerst zum Leben in dieser Welt voll Widersprüche erwachte, und über alles verwundert, was mir dort begegnete, meine ersten Schritte machte. Immer war ich mit etwas wie Verwunderung in mir umhergegangen, immer mit einem Gefühl, daß das, was ich erlebte, nur zur Hälfte Wirklichkeit sei, immer hatte ich mich gleichsam von dem, was war, dem Unbekannten entgegengestreckt, das kommen sollte. Immer hatte ich vom Glücke geträumt, und das Glück hatte sich mir nie anders gezeigt, als in Gestalt eines Heims. Dieses Glück hatte ich errungen, es errungen, wie nur einer unter Tausenden es erringt, aber der Tod, an den ich nie hatte denken wollen, war unsichtbar hinter mir hergeschlichen. Er nahm meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen und dem goldenen Haar. Und als er starb, beugte er sich tiefer über mich denn zuvor, breitete seine schwarzen Fittiche über mein Haus und ließ mich nicht früher los, als bis er mir und den Meinen sie geraubt, die uns teurer war als alles im Leben, weil sie uns teurer war als das Leben selbst.

Ich stand auf und sah hinaus. Ich lauschte ihren Atemzügen, und ich konnte es nicht glauben, daß es meine Frau war, die hier lag und sterben sollte. Ich beugte mich hinab und benetzte ihre Zunge und ihre Lippen mit Wasser, und ich betrachtete ihre Züge, bis es vor meinen Augen schwarz wurde und ich nichts sehen konnte. Aber ihr selbst glaubte ich nahe zu sein, und war noch eine Erinnerung in ihr, die, unerreichbar für mich, von allem getrennt, was wir Sterblichen Dasein nennen, sich mit ihrem eigenen Leben beschäftigte, so wußte ich, daß ich mit darin war. Ich war mit darin so, wie ich mich nie selbst sehen sollte und kein Anderer als sie mich sehen konnte.

Und während meine Gedanken so um alles kreisten, was wir Beide zusammen erlebt hatten, vergaß ich mich selbst und sah nur sie. Jung und hingebend trat sie mir entgegen, aber in allem Glück, das um sie strahlte und ihre Schritte leicht machte, lag eine Wehmut, die umso stärker war, weil sie so lange schwieg. Ich glaubte mich jetzt erinnern zu können, daß ihr ganzes Wesen früh, früh schon auf einem Plane stand, der nicht der Anderer war. Sie war geschaffen, glücklich zu sein und dann zu sterben, und der Tag kam, an dem es eine Grausamkeit wurde, zu versuchen, sie zum Leben zu zwingen. Sie konnte nicht eine Zeitlang trauern und dann vergessen. Sie konnte nur trauern und sterben. Alles über dem Gefühl ihres Schicksals vergessend, hätte ich wissen müssen, daß sie immer die Wahrheit sprach und am meisten dann, wenn ihre Rede mir wunderlich und unmöglich schien. Aber am allerwahrsten war sie, wenn der Schmerz die Worte auf ihre Lippen preßte und sie mich bat, sterben zu dürfen.

Warum hatte ich sie nicht gewähren lassen? Warum hatte ich versucht, sie gegen ihren Willen und über ihre Kraft zu zwingen? Begriff ich denn nicht, daß sie nur durch eine unerhörte Kraftanstrengung durch zwei lange Jahre in meinem Heim gekommen und gegangen war, mit uns, die wir lächeln wollten, gelächelt, mit uns, die wir spielen wollten, gespielt hatte?

Wie hatte ich so grausam sein können, und wie kann man so grausam sein, nur weil man nicht recht und klar zu sehen vermag?

Und diese Fragen sammelten sich zuletzt in der neuen: Wie hat sie mich lieben können, wenn ich sie gegen meinen Willen so gequält habe?

Denn als hätte ich ihren Gedanken folgen können, die schon von den meinen getrennt waren, schien es mir, daß ich dies gegen meinen Willen gethan hatte und daß sie das für mich fühlen mußte, obgleich ich es früher nicht hatte glauben wollen. Aber nie sollte mir eine Antwort auf diese Frage werden, nie sollte sie aus dieser Betäubung erwachen, und mit Verzweiflung im Herzen, würde ich mich eines Tages dem neuen Leben zuwenden, das mich ohne sie erwartete.

So suchte ich in der Ahnung dem Weg zu folgen, den ihre Gedanken nahmen, während sie tiefer und immer tiefer in die Gewalt des Todes glitt. Es war, als hätte ich mich selbst und mein eigenes Leben dem Tode gegeben und als machten wir Beide zusammen, sie und ich, unsere Rechnung mit der Welt. Alles außer und in mir wurde so schwindelnd hoch und groß, daß ich glaubte nichts erreichen zu können. Es war kein Trost in all diesem, nur ein verzweifelter Abschied. Träge schritten die Stunden vorwärts, und schon kam der Augenblick unwiderstehlicher Müdigkeit, wo man die Augen schließt und die Hände zusammenpreßt in einem einzigen Gebet, daß alles zu Ende sein möge.