Da hörten plötzlich die regelmäßigen Atemzüge auf, und ich fühlte, wie mein Herz gleichsam starr wurde. Ich glaubte, daß nun der Tod komme, und ich eilte hinaus, um die Knaben zu wecken. Sie kamen herein, schlaftrunken und ernst, und setzten sich am Bette nieder, und in diesem Augenblicke erinnerte ich mich an das, was sie einmal gesagt hatte:
„Wenn ich sterbe, will ich, daß kein Anderer außer Dir und den Knaben um mich ist. Nur zu Euch gehöre ich.“
So saßen wir nun auch, und während wir uns nicht erklären konnten, was ihre erleichterten Atemzüge bedeuten sollten, und das Ende erwarteten, merkten wir, daß ihre Augen gleichsam arbeiteten, um sich zu öffnen, und wir sahen, wie sie sich dorthin wendete, wo Svens Porträt an der Wand hing, und hörten sie sagen:
„Nenne.“ Schwach und leise sprach sie das kleine Wörtchen aus, aber sie hatte doch gesprochen. Krampfhaft faßten wir uns bei den Händen, und unsere Thränen flossen, nicht aus Schmerz, sondern aus Freude, daß wir wieder ihre Stimme gehört hatten.
Von diesem Augenblick an wußte sie, daß wir da saßen. Von diesem Augenblick an war gleichsam ein Abschiednehmen in jeder Miene, jeder Bewegung und jedem Worte. Wenn sie unsere Stimmen hörte, schlug sie ihr eines Augenlid auf, ganz wie Sven es einmal gethan hatte, und wir konnten merken, daß sie uns erkannt hatte und sich unserer Liebkosungen bewußt war.
Noch einmal nannte sie Svens Namen, als hätte sie sagen wollen, daß sie ihn sähe, daß sie zu ihm ginge. Aber dann sank sie zusammen, und wir saßen atemlos da, gierig nach einem Zeichen haschend, daß sie uns noch nicht verlassen, noch nicht von uns gegangen war.
Da schlug sie ihr linkes Auge auf, so wie Sven es einmal gethan, und ihr Blick suchte den meinen. Ich beugte mich über sie und sah, daß sie versuchte zu sprechen. Aber sie vermochte es nicht, und mit einem Ausdruck unsäglichen Leidens sank sie zurück in die Betäubung, die der Vorbote des Todes ist. Mehrere Male wiederholte sie denselben Versuch. Bei jedem Male trat in ihr Gesicht dieser Ausdruck verzweifelter Ohnmacht, und mit jedem Male wurde er herzzerreißender. Es war, als gehörte sie uns nicht mehr an, aber als gäbe es doch etwas, was sie uns sagen wollte, ehe sie für immer schied, als könnte sie nicht sterben, ohne es den Ueberlebenden mitgeteilt zu haben. Es war entsetzlich, ihren Kampf anzusehen, und noch entsetzlicher, vielleicht ihre letzten Worte zu verlieren. Wieder beugte ich mich über sie hinab, und verzweiflungsvoll flüsterte ich eine Bitte in ihr Ohr. Da schlug sie ihr Auge zu mir auf, und ich sah, daß sie mich hörte. In einer Spannung, als hinge mein ganzes zukünftiges Leben von ihren Worten ab, näherte ich mein Ohr ganz ihrem Munde.
Da hörte ich ihre Stimme. Sie kam aus so weiter Ferne, wie noch keine Stimme in meinem Ohr erklungen ist. Sie war so schwach, daß ich sie kaum unterscheiden konnte. Es war kaum sie selbst sondern eher ihr Geist, der sprach. Aber deutlich und klar vernahm ich die Worte, und Niemand außer mir konnte sie hören:
„Ich ... habe ... Euch ... so lieb.“
Ich muß vor Schmerz aufgeschrieen haben. Denn ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützten. Und der Ausruf, der sich mir entrungen, hatte die Sterbende erreicht. Denn von meiner Frau kam ein verzweifelter Laut des Schmerzes, der sagte, daß sie mich hören konnte, ohne es doch zu vermögen, ihre leblose Hand auf mein Haupt zu legen. Diesen Laut kann ich noch zu dieser Stunde hören.