Er wurde rot, als hätte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu lächeln, ohne daß es ihm gelang.

„Das pflegt sich so anzuhören,“ sagte ich, „wenn ein Mensch nahe daran ist zu sterben.“

Der Knabe brach nicht in Thränen aus. Er nickte nur und sah weg.

„Er hat es erwartet so wie ich,“ dachte ich.

Und im selben Augenblick sah ich, wie groß und wie klein er war.

Da war es, als bräche etwas in mir auf. „Hier steht das Schlimmste bevor,“ dachte ich, „das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast. Die Kinder, die Kinder!“ Und während die Pflegerin allein bei der Kranken saß, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.

Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir unsere Stimmen dämpften, als fürchteten wir, sie zu stören, deren Ohr von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen mir plötzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und alles verstanden hatten. Für sie war nichts Wunderliches daran, daß Mama zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts Störendes für sie in dem Gedanken, daß Mama fortging, weil sie nicht zu leben wünschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur einfach und groß war. Sie wußten bloß, daß, wenn Mama sterben und von ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt hätte, daß ihre Mama dadurch zeigte, daß sie sie weniger liebte, würden sie gelacht haben oder empört gewesen sein.

Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehört hatte. Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der Ferne zu erklingen. Ich wußte, daß er einmal kommen würde, mit Linderung kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe überwinden, die mich beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon wußte.

Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie ihren ganzen Körper erschütterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit zu Zeit kamen die entsetzlichen Anfälle wieder.

Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frühere Ruhe kehrte wieder, aber das Bewußtsein kam nicht zurück. Noch fast zwei Tage lag sie in derselben Betäubung, in der ich sie zuerst gefunden. Unaufhörlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehört hatten, glaubte ich ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wußte, daß ich damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten Händen. Ich gedachte ihrer Worte: „Wenn ich sterbe, werde ich ganz so sterben wie Sven.“ Ich erinnerte mich, daß ich bei mir selbst gelächelt hatte, als ich diese Worte hörte, ich hatte sie für einen Ausdruck der Ueberspanntheit erklärt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wußte sie es? Oder wie konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wußte? War dieses Zusammentreffen bloß ein Zufall? Und kann man überhaupt alles Zufall nennen, was man sich nicht erklären will?