Aber ich weiß zugleich, daß das nicht geschehen kann. Und mit beschämten und schaudernden Gefühlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das größer ist als das meine.

12.

Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft heimgerufen, die mitteilte, daß meine Frau von einem heftigen Krampfanfall getroffen worden war. Man fügte hinzu, daß es ernst sei, und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.

Am selben Tag hatte ich meiner Frau frühmorgens Lebewohl gesagt, bevor ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen fröhlichen Tag zu bereiten, so wie es früher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch zuerst unmöglich zu fassen, daß das, was ich gehört hatte, Wirklichkeit sein könnte.

Ich benützte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein wenig Obst und anderes zu kaufen, was für den frohen Tag notwendig war. Natürlich ist das etwas Vorübergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie ich da mit meinen Packeten im Coupé saß. Um die Zeit rascher hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen. Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so alltäglich wie möglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht übermächtig würde, wenigstens solange ich im Coupé säße. Aber je näher ich meiner Wohnung kam, desto stärker fühlte ich, wie mich nur die Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen nicht folgen, die mechanisch über die Zeitungsspalten glitten, und bald merkte ich, daß die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz durchzuckte es mich: „Du fährst dem entgegen, was Du gefürchtet hast. Du kannst nicht leugnen, daß Du beständig gefürchtet hast. Nie hast Du geglaubt, daß sie leben würde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.“

Eine unnatürliche Ruhe kam über mich. Vielleicht kam dies daher, daß ich jetzt der letzten Gewißheit entgegenfuhr, vor der ich fühlte, daß mit ihr aller Kampf zu Ende sein mußte. „Gott, soll sie sterben,“ murmelte ich, „möchte sie doch ohne Schmerzen sterben können!“ Und noch immer wunderte ich mich, daß ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, daß Jemand mir entgegenkommen würde, aber Niemand war da. „Dann lebt sie noch,“ dachte ich mit derselben eigentümlich klaren Ruhe. Und im nächsten Augenblick dachte ich: „Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß alles zu Ende ist. Man hat eingesehen, daß ich nicht hier vor fremden Augen erschüttert werden will.“ Aber selbst vor dieser Möglichkeit behielt ich dieselbe wunderliche Gefühllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwärts zu gehen, schwer stieg ich den Hügel hinan. Ich blickte zum Fenster auf, und ich glaubte sie noch sehen zu können, als sie zum ersten Male nach ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon früher aufgeblickt hatte, und sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu können, daß sie auf war und allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wußte, daß jetzt Niemand da stehen und mir zuwinken würde.

Da stand der Gedanke vor mir: „Durch mehr als ein und ein halbes Jahr warst Du darauf gefaßt, daß sie sterben würde, und Du hast sie betrauert, als wäre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fühlen. Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme erloschen, und nur die Asche ist übrig.“

Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, daß meine Frau bewußtlos war. Ich lauschte ihren Atemzügen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr zu sprechen. Ich begriff, daß alles vergeblich war, und ging hinab, um selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich glaubte, daß er nötig war, sondern weil ich meinte, ich müßte es. Er versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf der mich durch die geöffneten Thüren aus dem Krankenzimmer der Laut der Atemzüge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu herrschen schienen.

Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.

„Warum schnarcht Mama so wunderlich?“ sagte er.