Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie früher:

„Du darfst Dich auch nicht daran kehren, daß ich sagte, Du hättest mir meinen Glauben genommen,“ sagte sie. „Das hast Du nie gethan. Das habe ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.“

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich über ihre Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:

„Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich hätte doch verstehen sollen, daß das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So kostbar, daß ich Dich nie auch nur zu der Möglichkeit anderer Gedanken hätte führen dürfen.“

Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem schwachen, müden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und sagte Gutenacht.

Ich löschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein Herz war übervoll von Dankbarkeit für alles, was sie gesagt hatte. Es war, als hätte sie mir einen Schatz für die Erinnerung gegeben.

Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, daß ich gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. „Sie geht von mir,“ dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, daß ich jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so nahe war wie nie zuvor. „Sie stirbt nicht,“ dachte ich den Augenblick darnach. „Sie wird leben.“ Und ich merkte den Widerspruch in meinem eigenen Gedankengang nicht.

Ich saß in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt, zu glücklich über den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und plötzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westküste, in dem Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhütte mir zuwandte und ich fühlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere vereint wurden, die von keiner Grenze weiß. Es war eine Aehnlichkeit zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glück und Hoffnung erfüllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.

Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus übers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in wildem Schäumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknöpft. Er hält ihn mit beiden Händen ausgespannt, so daß er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm göttlicher Genuß, zu fühlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird er durch eine Stimme gestört, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein paar Arme, stärker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit Gewalt von der gefährlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von Gefahren und Mut rauscht.

Der Knabe bin ich selbst, und ich lächle wehmütig bei der Erinnerung, während die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne daß ich es merke, und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich weiter geführt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, daß sich die Elemente entweder zur Ruhe legten oder daß Jemand, der stärker wäre als ich, mich von der Gefahr fortführen könnte, von der ich nie glaubte, daß ich sie fürchten würde.