Zwei Tage später fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.
Ich erinnere mich, daß ich ihn mit einem Gefühl der Angst erbrach, so, als könnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: „Warum ist sie nicht glücklich? Kann man gleichzeitig glücklich und unglücklich sein?“
Der Brief lautete folgendermaßen:
Mein Geliebter.
Daß solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Daß es nur möglich ist, daß das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei erloschen und ich könnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und ich grübelte und grübelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich stimmen könnte und wie Alles werden könnte, als sei dies nie gewesen.
Aber dann sah ich, daß Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, daß Du niemals anders werden kannst, und daß nur das, daß ich nicht auf Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte, und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, daß Du mir so wehe thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt weiß ich nicht, was ich Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darüber wundern, daß ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte, davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hälfte von dem sagen würde, was ich wollte.
Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich weiß, daß ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg, und ich werde wohl auch immer so bleiben.
Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich, daß ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, daß ich Dir nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, daß dem nicht so ist, dann habe ich mich so glücklich gefühlt, Georg, so glücklich und reich. Und ich weiß, daß ich Dir alles gegeben habe, was ich geben kann, und alles, was ich habe.
Aber wenn Du siehst, daß ich sitze und in mich selbst hineinstarre, wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, daß ich nichts anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am glücklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht glauben, daß ich unglücklich bin. Das, woran ich da denke, macht mich nicht unglücklich. Es ist nur etwas, worüber ich zuweilen grübeln muß, weil ich weiß, daß es kommen wird und weil ich es immer gewußt habe.
Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch nicht antworten. Könnte ich es, ach, könnte ich es, dann würden ja meine Thränen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts, vielleicht liegt es nur darin, daß ich zu glücklich bin.