Aber ich will, daß Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, daß Du nicht zu fürchten brauchst, es gäbe etwas Verborgenes und Geheimes in meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht sehen dürftest. Es ist bloß das, daß ich nicht kann.
Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mädchen und Deiner Freundin, die nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu dürfen, so lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu schlafen, von allen Anderen vergessen, außer von Dir. Denn Du sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige „unsterbliche Leben“, das ich verlange.
Aber eines wünsche ich zuweilen. Und das ist, daß wir Beide grau und alt wären und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter, daß ich wünschte, meine Knaben wären erwachsen und ich könnte zu ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, daß ich auch ein bißchen in ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so groß, daß sie mich bald nicht mehr brauchen. Aber es wäre so gut alt zu sein und zusammen mit Dir zu gehen und des Tages harren zu können, an dem die große Ruhe kommt. Ich glaube, ich würde Dich doppelt lieben, wenn Du alt und grau wärest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen könnte wie ich und ich denken dürfte, daß Niemand außer mir an Dich ein Recht gehabt und Niemand so recht wüßte, wer Du bist.
Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg, denke nur, daß ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt habe, daß das, was ich jetzt für Dich fühle, mehr ist, als Worte ausdrücken können, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt hat oder haben kann, und wenn sie noch so glücklich wird. Glaube nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglücklicher, als Du ahnen oder glauben kannst.
Deine Frau.
7.
Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der Glückseligkeit erreicht hat.
Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen, und so ist ja die Liebe, daß sie nichts Anderes will als sich selbst, und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann. Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.
Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es Beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie sie nie für jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich in mir grübelte, wie es möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich hatte schleichen können.
Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden und unsere Abende beginnen konnten.