Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der Brücke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir einander und gingen langsam über den Weg, der sich zwischen Haselstauden und hohen knorrigen Eichen schlängelte, auf deren Zweigen kaum noch die Spur von den Knospen des Frühlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen Schärengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hält, legt um Inseln und Schären eine Eiseskühle, die die Arbeit des Frühlings hemmt. Hier war es nicht grün wie im Inneren des Landes, wo Wiesen und Haine sich gerade im Schutz dieses weiten Schärengartens belauben, der die harten Nordwinde fern hält. Hier war es öde und kalt, auf den Zweigen der Bäume zeigten sich schwache, lichtgrüne Triebe, die gelb und braun schillerten, die Palmenweide trug Kätzchen, das Gras schlief unter welken Blättern, und die Anemonen, die im Inneren des Landes längst verblüht waren, wuchsen blau und weiß unter den Zweigen der Haselsträucher.
Gerade diese späte Entwicklung der Natur erfüllte uns Beide, die wir in unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glück. „Siehst Du, hier kommt es so spät, wie damals?“ — „Weißt Du noch, man hat einen zweiten Frühling, wenn man in den Schären wohnt?“ und wir sahen hinaus über den weiten Fjord, der diesen ganzen späten Frühling umschloß, und freuten uns, daß die Fischmöven wie einst in weiten Bogen über dem blauen Wasser kreisten, freuten uns über ihre weißen Flügel, die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten, wo ihre klaren Augen die Beute erspäht hatten.
Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hügel hinauf zu einem kleinen, roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir ein Geheimnis aus, als der Fährmann, der uns früher hinüber zu rudern gepflegt hatte, aus der Thüre trat und versprach, uns zu unserer Jugendinsel zu führen.
Still ging die Fahrt über das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln, von der seltsamen Stimmung erfüllt, die uns Beide beherrschte und mit jedem neuen Blicke, der sich aufthat, zu wachsen schien, saßen wir Hand in Hand da und ließen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl wissend, daß dem Einen kund war, was der Andere dachte. Nie war uns diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die verführerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern des Wassers und der reich belaubten Gestade sich so melodisch mit dem ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermählt. Und als wir der kleinen Insel näher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch emporwüchse, nicht aus der verringerten Entfernung, sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der für uns das Glück des ganzen Lebens entsprossen war.
Aber als wir ans Land kamen, blieben wir Beide stehen, und der Ausruf des Entzückens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte. Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem, Unerwartetem bedrückt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten, gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.
Was wir gesehen hatten, war, daß das Haus, das jetzt auf der Insel stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr ein breites, zweistöckiges Gebäude. Es war eine niedrige Hütte, die gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle zusammengedrückt zu haben, als hätte Armut und Not sie im Laufe der Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile schweigend, als müßten wir erst Atem schöpfen.
„Georg,“ sagte Elsa, „was ist das?“
Ich brauchte bloß auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher standen. Ihre Aeste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war versengt. Ich wies ihr den rußgeschwärzten Grundstein, das kleine Gärtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der quer über dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim übrig war.
„Hier ist eine Feuersbrunst gewesen,“ sagte ich.
Und meine Stimme zitterte.