„Verbrannte Stätten.“

Als hätten wir uns Beide zusammengehörig mit jenem kleinen Fleck Erde gefühlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nämlich zu erfahren, was geschehen war, was diese unsere Glücksinsel so verwandelt hatte, daß sie für uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte gewissermaßen die ganze Welt der Träume, die uns bis dahin umfangen gehalten, und erweiterte unsere Gefühlswelt dahin, auch das Leben Derer zu umfassen, die hier draußen gelebt und gelitten, gearbeitet und gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, daß keinerlei Glücksträume ihnen länger die harte Wirklichkeit vergoldeten.

Und während sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir früher nur als eines notwendigen Anhängsels unserer eigenen Freude gedacht hatten, öffnete sich die Thür der Hütte, und in dem Sonnenlicht, das über die Stufe fiel, stand ein gebücktes, altes Mütterchen und blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lächeln zu. Sie sah so alt aus, daß sie geradeswegs einem alten Märchen entstiegen schien, sie war auf einen Stock gestützt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich schmerzlich, als sie ihren gichtbrüchigen Körper bewegte.

„Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letzte Mal da waren ...“ sagte die Alte.

Und indem sie sich mühsam vorwärtsbewegte, kam ein alter Mann zum Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte, bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrüßten die Beiden, die sich eben jung geträumt, und der Greis rieb sich die Hände, hustete und murmelte unverständliche Worte, während er langsam und bedächtig auf der Schwelle Platz machte, über die die Alte die beiden Reisenden einlud einzutreten.

Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlässigt war der Garten, verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras überwucherte die Wege, die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische und Bänke, weil Niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstörten.

Ohne daß wir zu fragen brauchten, erzählten die beiden Alten, wie das Unglück über sie gekommen war. Die Frau erzählte, und der Mann wiederholte bekräftigend ihre Worte. Und das Unglück war so hinterlistig und unerwartet hereingebrochen, daß Niemand ihm Widerstand leisten und Niemand helfen konnte.

Denn an einem Frühlingstag im März, als der Nordwind frisch blies und das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die Nachbarn rings umher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen, ohne ihnen zu Hilfe kommen zu können. Die beiden Alten hatten allein weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlöschen sahen, erlosch ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut. Gering war der Hausrat. Dürftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen und müde. Ein einziger Unglückstag hatte Alles genommen, was frühere Jahre aufgebaut.

Wie von demselben Schicksal gebeugt saßen die Beiden da, die sich eben jung geträumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die Alten von dem Feuer erzählten, das ihr Haus verödet hatte. Gerade das ergreifend Alltägliche dieser Darstellung, unterbrochen von bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an Hab und Gut, das zu Grunde gegangen, drückte die Gäste zu Boden, entkleidete unsere eigenen Träume der Pracht der Illusion und ergriff uns mit stiller, schwärmerischer Wehmut. Es dünkte uns beinahe, daß während wir nichts wußten, während wir unser Leben lebten und uns glücklich wähnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schären etwas von jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die Empfindung, daß sie bei jenem Brande mehr verloren hatte, als die beiden Alten; und während die Erzählung fortschritt, sah ich, daß sie sich Gewalt anthun mußte, um nicht in Thränen auszubrechen. Denn was bedeuteten diese Möbel, Kleider und Hausgeräte? Was bedeutete es, daß zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier saßen und sich grämten über den Gegensatz zwischen früher und jetzt, in jenem dürftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war? Was bedeutete all dies dagegen, daß sie niemals, niemals mehr die Insel ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?

So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie Unrecht ich gethan, nicht der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns Beiden erspart zu haben, die Brandstätte unseres ersten Glücks zu sehen. Aber ich hatte nicht das Herz, dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm, gingen wir Beide noch einmal schweigend um die Insel.