Es erging uns wie den Kindern im Märchen, die sich einst im Wunderland verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, daß die Zeit weitergeeilt war und die Menschen rings um sie müde und alt gemacht hatte. Still und träumend saßen wir am Strande und blickten über den Fjord. Da war alles sich gleich geblieben, und wie wir da saßen, vergaßen wir das neue Haus und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, daß wir drei Jahre an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen, beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo wir uns an zwei kleine, rote Häuschen am Waldessaum erinnerten und an eine kleine Wiese, auf der in einem weißen Korbwagen unter blauem Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.
Wir ließen uns hinüberrudern, und diesmal wußten wir, daß wir einem öden Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir wußten, daß die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweg gefegt und alles verändert hatten.
Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der Schnee um die Hütte stöberte, starb sie, und als eines Tages auch die Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Hütten am Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.
Aber es giebt gar manche Geschichten in den Schären, und eine davon war auch die Geschichte von den kleinen, roten Häuschen am Waldessaum. Als die fünfzig Jahre, für die die Verstorbenen einst den Boden gekauft hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehörte, und nahm es zurück. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren die Häuser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgeführt, das frühere Kartoffelland von Disteln und Unkraut überwuchert, und der Boden sah aus, als hätte auch hier das Feuer gehaust.
Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglücks suchten, standen wieder unter den Trümmern eines verwüsteten Heims. Es war, als würden sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstört worden waren, auf dem Fuße folgte, ließ Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten Hügel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Thüre herausgerissen war und an dem ein paar verrostete Angeln verkrümmt an den Haken der Pfähle hingen.
Hier stützte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den wechselvollen Gefühlen, die ihre Seele durchströmt hatten, freien Lauf lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wäre alles Unglück des Lebens über ihr Haupt hereingebrochen. Sie stieß meine Hand zurück, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, daß ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spät zum Dampfschiff zu kommen.
Sie hörte mich nicht, umfaßte nur meine Schultern und sagte:
„Du hattest Recht, wir hätten nie herkommen sollen.“
Und sie gestand, daß sie lange an diese Reise gedacht hatte, daß sie sie gewünscht hatte, seit Jahren, daß sie durch einen Zufall — sie wußte nicht wie — auf den Gedanken verfallen war, daß sie jetzt unternommen werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Träumen hatte sich der Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser ganzes Lebensglück verknüpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als müßten wir diese Reise einmal unternehmen, als könnte sie ihres Glücks nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen hätte, so wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Träumen sah. Sie sagte, daß es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen herauskämen, mich zu bitten, noch einen Sommer draußen zu wohnen. Und sie hatte gewußt, daß ich ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber jetzt, wo nichts übrig war, nichts von alledem, das einst das ihre gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das Leben selbst kettete.
Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur zu wohl, daß ich einer jener Phantasieen oder Träume gegenüberstand, die für einen Menschen mit reichem Gefühlsleben in des Wortes eigentlichem Sinne mehr bedeuten können als das Leben selbst. Für mein eigen Teil hatte ich mich freilich auch erregt gefühlt, sowohl durch all die Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die Zerstörung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese Verwüstung in irgend einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was für mich selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor diesem Schmerzensausbruch stand ich völlig ratlos da.