3.
So ging ein Jahr, ohne daß wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne daß wir mit einander davon sprachen, wußten wir Beide, daß es nur eine Möglichkeit gab. Schon einmal früher hatte das Messer des Operateurs seine lebensgefährlichen Eingriffe machen müssen, und die Krankheitssymptome, die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es überraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil verkündete und uns das, was wir schon geahnt, wissen ließ, nämlich, daß nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.
Als sei ein Todesurteil über unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, daß Elsa von Allem Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die Gewißheit, daß sie jung sterben müßte, an ihrer innersten Lebenskraft nagte. Sie war blaß geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die Hände waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.
Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu dürfen. Zum ersten Male sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen über die Lippen gebracht hatte.
„Schon seit ich sehr jung war,“ sagte sie, „lange bevor Du und ich uns kennen lernten, ist es mir so natürlich gewesen, daran zu denken, daß ich nicht lange leben würde. Dann fand ich Dich, und da vergaß ich Alles. Denn Du hast mich so glücklich gemacht, Georg, Du hast mich glücklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine drei Knaben gegeben, meine zwei großen Jungen und den kleinen Sven. Und was kann ich für sie, für Dich und für Euch Alle sein? Ich bin ja so krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach ja, ich weiß, daß Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast, obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem nützen konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere finden, die Dir mit den Kindern hilft.“
Und wieder bat sie mich sterben zu dürfen, bat, die wenigen Wochen, die ihr gegönnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu scheiden, und sie wollte bloß mit ihren Schmerzen so lange leben, daß sie die Kinder auf das, was kommen mußte, vorbereiten und Abschied von ihnen nehmen konnte.
So plötzlich war all das über mich hereingebrochen, daß ich nicht einmal meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu antworten. Ich fühlte dunkel, daß ich mich, wenn ich hier eingriff, in einen Kampf stürzte, der über das hinausging, was Menschen im Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fühlte die Scheu, die ich immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rühren, das eines anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu dürfen, war so rührend und so ernst gemeint, daß ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn für sie galt es nicht mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, daß sie alles, was sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber gleichzeitig fühlte ich mit der Stärke der Verzweiflung, daß ich sie nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich bloß:
„Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?“
Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hände in Verzweiflung.
„Nein, nein! Ich kann nicht.“