Sie wankte zur Schlafzimmerthür und bat mich nur, sie allein zu lassen. Ich sah sie die Thür hinter sich verschließen, und ich blieb sitzen, wo ich saß, und hatte das Gefühl, daß alles, was ich mit ihr erlebt hatte, tot und verschwunden war und daß sie jetzt von uns gehen würde. Ich begriff, daß, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte mich nicht. Ich fand es ganz natürlich, daß ich allein sie nicht halten konnte. Ich ließ den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male über mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte nichts anderes, als daß die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der Stunde fortschreiten würden, die kommen mußte; und schließlich würde der Tod all das zerreißen, wofür ich gelebt hatte.
Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es dämmerig wurde und daß ich dadurch auffuhr, daß ich fühlte, daß meine Frau auf den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so leise gekommen, daß ich sie nicht gehört hatte, und ihre Stimme klang ruhig, als sie sagte:
„Ich will für Dich leben, Georg, für Sven und unsere großen Jungen.“
Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, daß ihr Entschluß jetzt unerschütterlich war, daß sie wieder uns Allen gehörte oder gehören wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage veränderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zündete alle Lampen an wie zu einem Feste.
Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklären. Denn sie hatten Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander gesprochen, wie wir Großen, und sie wußten, daß Mamas Leben auf dem Spiele stand, aber daß sie es wagte, um für sie leben zu können.
Sven kletterte auf Mamas Schoß und schmiegte sich an sie. Und er brachte uns Alle dazu, durch Thränen zu lächeln, als er sagte:
„Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.“
Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn selbst ohne eine Ahnung davon an, daß es komisch klang. Darum brachten uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheißung des Lebens, und sie beruhigten uns.
Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns mit den Armen umschlingend durch die Räume. Und ich sah, daß sie wieder Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am nächsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.
Aber als ich frühmorgens herauskam, saß Olof in dem großen Lehnstuhl gegenüber der Schlafzimmerthüre.