„Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.“

Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war, daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu Einem verschmolzen.

Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen konnte. Und er erzählte Jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, so würde er nicht stärker haben ergriffen sein können.

Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme nahmen und über die Berge trugen.

Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er im stande war sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und er zog seine kleinen Höschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß Alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:

„Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht er dann immer vom Tode?“

Und sie antwortete:

Ich lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen. — — Siehst Du?“