Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu Jenen, die sich viel Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten, ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam, und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.
Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt, daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in der höchsten Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend gefunden.
„Aber wie konntest Du da sitzen, Sven,“ sagte Mama mitten in ihrer Freude. „Mama sollte doch erst spät nachts kommen.“
„Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest,“ sagte Sven.
Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine so einfache Sache nicht vorstellen konnte.
„Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest, und darum saß ich da und wartete.“
Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:
„Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich niederlegen müssen.“
Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und lächelte:
„Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen, so daß sie mich nicht sehen konnte.“