„Nein, das hast Du gethan?“ sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige, deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie übrigens oft, obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der große Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen. Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und flüsterte:

„Es ist so schön, wenn Du mir hilfst. Denn Du faßt mich nie hart an.“ Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:

„Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir selbst helfen kannst.“

Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden Züge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan hätten.

„Weißt Du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine Mutter gestorben war?“ sagte ich. „Auch er war damals zwischen fünf und sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache — das Hemd zu wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: ‚Ich fühlte das erste Mal, daß Jemand mich hart anfaßte.‘“

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas Anderes hatte.