„Hast Du nie an etwas gedacht?“ sagte ich. „Olof kann ich mir als einen großen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven? Kannst Du ihn Dir groß denken? Was willst Du mit ihm in der Welt anfangen? Wohin glaubst Du, daß er passen würde, außer zu uns?“

Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten um ihren Mund bildete.

„Daran habe ich oft gedacht,“ sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang weiterspinnend, fügte sie hinzu:

„Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich. Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich könnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du stürbest — ich vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich wollte, daß Du es wüßtest.“

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein, daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder nicht.

14.

Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören konnte.

Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich freute mich, ohne in höherem Maße Unruhe zu empfinden, an Freundschaft und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und Mama gebeten, das „Vaterle“ zu grüßen, was sein Specialkosenamen war, wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch konnte ich meine Angst nicht los werden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging. Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich telephonisch anzurufen.

Ich that es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.