Die Tage verstreichen, während ich umhergehe und denke, daß ich anfangen sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur unruhig über etwas umher, das öde und verbrannt ist. Zuweilen will es mich bedünken, als könnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.
Könnte ich nur stets so sein, daß meine Frau nichts merkte. Könnte ich gleichmäßig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es nicht, und ich weiß, daß sie nicht nur über sich selbst trauert, sondern auch über den Schmerz, den sie mir verursacht. Es muß furchtbar sein, so herumzugehen wie sie und nichts zu können, nichts zu vermögen, und bei dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz verursacht. Einhergehen und über den Tod grübeln, von dem sie glaubt, daß er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll muß es sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsägliches Leid zuzufügen und nichts thun zu können, um es zu lindern.
Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, daß ich es nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der Verzweiflung, daß er mir in die Seele schneidet.
Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die meine.
„Wenn Du nur mich nicht hättest,“ sagte sie, „um wie viel glücklicher würdest Du da sein!“
Ich weiß, daß sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine Antwort konnte wohl für einen Augenblick ihren Glauben erschüttern und ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, daß sie unentbehrlich sei und daher leben müsse.
6.
Wenn ich diese Blätter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, daß das, was diese Zeilen erzählen, wirklich wahr sein kann. Und doch muß es so sein. Denn scripta manent. Und wie unvollständig und fragmentarisch diese Aufzeichnungen auch sein mögen, erzählen sie mir doch mit voller Gewißheit, daß ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo alles seine Erklärung und sein Ende gefunden hat.
So viel begreife ich, daß in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich nicht mehr zurückkehren will und kann, mein Glück darin bestand, daß ich schließlich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte, meine Frau zu retten. Welches Glück war dies nicht! Nicht mehr ein unthätiger Zuschauer sein zu müssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu können, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man wenigstens glaubt erreichen zu können. In der Jugend würde eine solche Glücksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begnügt man sich mit Geringerem als früher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt, daß es in dem Bereiche der Möglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und man kann in dem bloßen Bewußtsein einer solchen Möglichkeit etwas finden, was beinahe dem Glück gleicht.
Für mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich schon lange gehabt, daß das Stadtleben für den Zustand meiner Frau verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte und sich schließlich in den Entschluß umsetzte, sie daraus loszureißen und zum Lande zurückzukehren, das wir nie hätten verlassen sollen. Der Arzt bestärkte mich auch in diesem meinem Entschluß, und als ich das erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloße Möglichkeit vorlegte, leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als hätte ich ihr die Freuden des Paradieses versprochen, und sie sagte nur: