Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch oben, und das Licht war trüber als in den andren Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort aufzuräumen. Sie allein mußte alles thun. Da hängte sie helle Gardinen vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Czako. Da war alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft. Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen wollte, ihm Märchen zu erzählen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Portraits in Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere. Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war, das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte. Da lagen seine kleinen Notenhefte „Sing uns was, Mama,“ die nie mehr unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen, blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern, Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat, ein Buch nur über Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit Anderen sprach. Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß Niemand. Auch wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten gewechselt wurden.

„Du glaubst ja nicht daran,“ sagte sie eines Tages zu mir. „Aber ich fühle es.“

„Woher weißt Du, daß ich nicht glaube?“ antwortete ich.

Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.